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Newsletter 4/2010 vom 20.05.2010

Sehr geehrte Damen und Herren,
sicherlich kennen Sie Roland Koch, den Scharfmacher und Ministerpräsidenten (CDU) aus Hessen, der bisweilen gern mit der Lunte spielt. Aber Sie kennen vermutlich nicht Harald Wilkoszewski vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung. Ebendieser Harald Wilkoszewski hat in einer Studie empirisch nachgewiesen: »Je älter ein Bundesbürger, desto weniger familienfreundlich ist die Politik, die er sich wünscht. Und desto eher will er ein Rentensystem, das die jüngere Generation stärker belastet. Gleichzeitig wollen Kinderlose weniger Unterstützung für Familien als Eltern.« Denn »je älter man wird, desto weniger unterstützt man, dass öffentliche Gelder an Familien und Kinder fließen«, sagt Harald Wilkoszewski. Ob Erhöhung des Kindergelds, Steuererleichterungen für Eltern oder staatliche Ausgaben für Kinderbetreuung: Alte sind seltener dafür als Jüngere. Dass ein 65-Jähriger eine Erhöhung des Kindergeldes befürwortet, ist um 85 Prozent weniger wahrscheinlich als das Einverständnis eines 20-Jährigen. Die Zustimmung zu flexibleren Arbeitszeiten für Eltern sinkt im gleichen Lebenszeitraum um 50 Prozent. Gleichzeitig sprechen sich Ältere vermehrt für Reformen des Rentensystems aus, die die jüngere Generation belasten: Keine Erhöhung des Rentenalters und keine Kürzung der Bezüge, dafür Steuererhöhungen zur Finanzierung der Rente und mehr finanzielle Unterstützung von Eltern durch ihre Kinder. Unter den 65-Jährigen ist die Zustimmung zu einem solchen System um gut 70 Prozent häufiger als unter den 20-Jährigen.

Und sehen Sie, im Gegensatz zu Ihnen kennt Roland Koch die Studie von Harald Wilkoszewski genau. Und daher hat er vor kurzer Zeit dafür plädiert, Verbesserungen im Bereich Bildung, Forschung, Kinderbetreuung abzublasen und sogar restriktiv in diese Bereiche einzugreifen. Koch weiß, das schadet nicht, sondern nutzt ihm bei seiner Wählerklientel. Daher ist Hessen schon mal vorgeprescht, das im nächsten Jahr 45 Millionen Euro bei Schulen und 30 Millionen Euro bei Hochschulen einsparen will. Koch lässt die jungen Generationen bluten. Er erwartet insgeheim Zustimmung der älteren Mitbürger an den Wahlurnen bei gleichzeitig lautem Protest der kritischen Szene und der Jüngeren, die aber keine wahlentscheidende Bevölkerungsgruppe mehr darstellen.

Der demografische Wandel spielt Koch bei seinem wahltaktischen Zündeln in die Hände. Der Katholik und Christdemokrat zeigt auch schon mal die Daumenschrauben, die die Wähler gefügig machen sollen: Wer keine Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich will, muss mit höheren Abgaben und Steuern rechnen. Koch gibt den beinharten Kürzungspolitiker, während er und seine Partei seit 2008 damit hadern, der Finanzindustrie Zügel anzulegen. Jetzt sollen mit einigen Maßnahmen Spekulanten ausgebremst, der Einbruch bei der Wählerstimmung aufgehalten und die Zustimmung der Bevölkerung zu harten Einschnitten erkauft werden. Doch die Spekulanten werden weiter ihren Schnitt machen; so sind sie nicht aufzuhalten. Er lässt die Zeche für die Finanz-, Banken- und Wirtschaftskrise von den jüngeren Generationen bezahlen. Die können sich nicht durch politischen Druck wehren wie die Finanzlobby und die älteren Bürger mit der Mehrheit ihrer Stimmen. Dabei gibt es Alternativen zu Kochs Spaltkurs, die sogar zu einer öko-humaneren Gesellschaft führen würden.

Ist es denn Aufgabe eines Politikers, Zukunftsfragen auf dem Rücken der Jüngeren zu lösen? Ist es der Sinn christdemokratischer Politik, den Generationenkonflikt anzuheizen und für Wählerstimmen auszunutzen? Ist es verantwortlich, wenn ein katholischer Christ aus machtpolitischen Gründen sozialpolitische Spaltung betreibt? Koch kennt sich aus. Mit spalterischen Kampfparolen hat er schon zweimal Wahlen in Hessen gewonnen. Seine Methode darf nicht noch einmal Erfolg haben – weder in Hessen noch im Bund.

Und hier die Studie im Original mit den besten Wünschen fürs Nachdenken
Norbert Copray
Herausgeber

PS: Publik-Forum hat den Vortrag von Eugen Drewermann in der TU München zum Thema »Was würde Jesus dazu sagen?« als Video aufgezeichnet. Sie können es kostenlos auf unserer Website anschauen oder bei Publik-Forum-Shop als einfache DVD (15 Euro) oder Audio-CD (12 Euro) bestellen.

Herzlichen Dank allen Besuchern unsere Stände auf dem Ökumenischen Kirchentag und den Teilnehmern unser Veranstaltungen! Wir haben uns gefreut, so viele Leserinnen und Leser und Interessenten zu treffen. Der Fahrplan zum ÖKT ist gut angenommen worden und wurde insgesamt 50.000-mal gedruckt.

Kritisch, christlich, unabhängig – das sind die Merkmale von Publik-Forum. Das verlangt gerade in dieser Zeit, ein unabhängiges Urteil über Vorgänge in Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Alle 14 Tage entscheidet die Redaktion über die Themen, die Art der Beiträge und die Kontroversen. Lesen Sie unsere komplette Berichterstattung zum Kirchentag – wir laden Sie ein zum kostenlosen Probelesen der nächsten 3 Ausgaben.

 

Fragen an Britta Baas zum Ökumenischen Kirchentag

Was unterm Strich für die Zukunft bleibt

Welche Impulse nehmen Sie mit?
Ich nehme den Impuls mit, dass es ab sofort wieder »Kirchentage von unten« bei allen Kirchen- und Katholikentagen sowie Ökumenischen Kirchentagen geben muss. Sonst kommt es zu manch nötiger Debatte erst gar nicht. Das ÖKT-Präsidium schien mir sehr auf die Kirchenleitungen fixiert. Ich nehme auch den Impuls mit, dass die meisten Menschen, die zu Ökumenischen Kirchentagen kommen, politisch, spirituell und ökumenisch weiter sind als die ÖKT-Leitung. »Weiter« in zweifacher Weise: Sie sind weiter voraus und weitaus offener. Publik-Forum muss diese Gruppe journalistisch begleiten und ihr kreative Anstöße zum Weiterdenken geben.

Was war anders als beim ÖKT in Berlin?
Der 1. Ökumenische Kirchentag war geprägt von begeisterter Aufbruchstimmung, die von einer hohen Besucherzahl begleitet wurde. Berlin nahm teil am ÖKT; die Podien waren fast immer von einem gut organisierten kreativen Chaos geprägt. Mit »kreativem Chaos« meine ich: Es war den Kirchenleitungen noch nicht klar, wen sie wo hätten verhindern müssen. Und in München? Da hatten die Kirchenleitungen gelernt, wen sie verhindern mussten! Zahlreiche Menschen waren enttäuscht von diesem ÖKT; ich habe viele Gespräche am Rande geführt, in der U-Bahn, am Würstchenstand usw.: Die meisten meiner Gesprächspartnerinnen und -partner äußerten: »Wir fühlen uns verkaspert – und sollen dazu auch noch klatschen.«

Wie wirk(t)en die Kirchenleitungen im Umgang mit den selbstbewussten »Laien«?
Einen Umgang der Kirchenamtlichen mit den sogenannten Laien gab es nicht, weil diese beiden Gruppen professionell voneinander ferngehalten wurden. Sie befanden sich nur selten auf denselben Podien. Nötige Begegnungen fanden in Form von Störfällen statt. Zum Beispiel, als ein Opfer sexualisierter Gewalt in der Kirche das Freitagspodium des ÖKT zum Thema lauthals unterbrach. »Zum Anfassen« präsentierte sich nur Margot Käßmann. Es kam nicht von ungefähr, dass sie umjubelt und verehrt wurde. Im Meer der kirchlichen Unglaubwürdigkeiten und Skandale wirkte sie wie eine Insel der Glaubwürdigkeit und Menschlichkeit. Um zu solchen Inseln zu gelangen, sind Menschen bereit, vieles auf sich zu nehmen. Ein Kirchentag ohne Käßmann wäre gerade jetzt noch viel mehr ins Wasser gefallen, als er es ohnehin tat.

Die Fragen stellte Norbert Copray; Britta Baas ist Redakteurin bei Publik-Forum im Ressort Religion und Kirchen.

 

Was guttut

Da ist das Leben zu spüren

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Eine grafisch schön gestaltete Kartenserie »Lebenszeichen – InneHALTungen im Alltag« mit sieben Karten hat die action 365 herausgebracht. Sie eignen sich für viele Gelegenheiten: als Begleitkarten zu Geschenken, zur Korrespondenz, zum Aufstellen. Themen sind Hoffnung, Glauben, Anderssein, Aufbrechen, Treue halten, Glücklich, Ankommen, Gutsein. Beachten Sie bitte, dass die Farben der abgebildeten Karten am Monitor von den Farben der gedruckten Karten etwas abweichen können, wenn Sie hier die Karten betrachten und bestellen

 

Walter-Dirks-Preis

Hohe Auszeichnung für Friedhelm Hengsbach

Der diesjährige Walter-Dirks-Preis geht an Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ, der auch Publik-Forum-Autor ist (zuletzt: »Papstkirche am Abgrund«, in: Publik-Forum 8/2010 vom 23. April 2010, Seite 30-33). Mit dem Preis werden Menschen ausgezeichnet, die in wachsamer Zeitgenossenschaft und engagiert für soziale Gerechtigkeit wie Dirks unkonventionelle Brückenschläge zwischen Konfessionen, Religionen, gesellschaftlichen Gruppierungen und Parteien gewagt haben. Frühere Preisträger sind unter anderen Publik-Forum-Gründungschefredakteur Harald Pawlowski, die kritische CDU-Politikerin Rita Süßmuth oder der SPD-Politiker Wolfgang Thierse.

Der Walter Dirks-Preis erinnert an den bedeutenden linkskatholischen Publizisten Walter Dirks (1901-1991). Dirks war – neben Heinrich Böll – einer der Wegbegleiter von Publik-Forum schon vor der turbulenten, von der damaligen Oberkirche massiv behinderten Gründung der Zeitung im Winter 1971/1972.

Sie sind herzlich eingeladen zur Preisverleihung: Am Samstag, 29. Mai, 18 Uhr, Gottesdienst im Bartholomäus-Dom, Zelebrant: Stadtdekan Michael Metzler. 19 Uhr Preisverleihung. Die Laudatio hält Malu Dreyer, Sozialministerin des Landes Rheinland-Pfalz. Dann folgen Grußworte – unter anderen für das Land Hessen von Staatssekretär Heinz Wilhelm Brockmann (Publik-Forum-Mitgründer und langjähriger Vorsitzender der Leserinitiative Publik e. V.). Um 20.15 Uhr ist Empfang im Haus am Dom.

 

Was tun angesichts der Kirchenkrise

Auftreten oder austreten?

Für viele katholische Christen ist es eine quälende Situation. Was soll man tun – aus der Kirche austreten? In der Kirche mehr kämpfen? Die Kirche nutzen, aber nicht stützen? Ihr Votum interessiert uns sehr und wird in der nächsten Ausgabe von Publik-Forum veröffentlicht. Geben Sie hier Ihre Stimme ab.

In der Kirche mehr eigenständige Vorstellungen auch gegen die Leitungsebenen gemeinsam leben und durchsetzen – wie es Peter Bürger empfiehlt:

PETER BÜRGER
Die fromme Revolte.
Katholiken brechen auf.


288 Seiten, Publik-Forum Edition
17,90 EUR, Bestell-Nr. 2889

Zu bestellen über Publik-Forum-Shop


… sich dabei der Machtstrukturen bewusst sein, die sich in den letzten Jahrzehnten in der Papstkirche entwickelt haben und die Kirche an den Abgrund bringen – wie Hanspeter Oschwald analysiert:

HANSPETER OSCHWALD
Im Namen des Heiligen Vaters.
Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern.


384 Seiten, Heyne-Verlag
19,95 EUR, Bestell-Nr. 8460

Zu bestellen über Publik-Forum-Shop


… und die ideologisch-theologische Restauration in der Kirche diagnostizieren, um überlegt und strategisch klug für Opposition und Gegenwind zu sorgen:

NORBERT SOMMER/THOMAS SEITERICH (HG.)
Rolle rückwärts mit Benedikt.
Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut.


224 Seiten, Publik-Forum Edition
15,90 EUR, Bestell-Nr. 2884

Zu bestellen über Publik-Forum-Shop

 

Geld in Krisenzeiten

Den Finanzmarkt clever beeinflussen

Mit einer kompletten Neuausgabe mischen sich zwei Experten für Wirtschaft und Finanzwesen in die aktuelle Debatte um den Finanzcrash und die Möglichkeiten von Sparern und Anlegern ein.

Das komplett neue Buch zeigt Missstände, analysiert Perspektiven und gibt Hinweise für eine ethisch verantwortliche Spar- und Anlagestrategie.

WOLFGANG KESSLER/ANTJE SCHNEEWEISS (HG.)
Geld und Gewissen.
Was wir gegen den Crash tun können.


192 Seiten, Publik-Forum Edition
16,90 EUR, Bestell-Nr. 2909

Zu bestellen über Publik-Forum-Shop

 

Junge Arbeitslose

Ob Strafe wirklich hilft?

Schwarzarbeit, Kleinkriminalität, Ausweg- und Obdachlosigkeit: Das sind die unmittelbaren Folgen harter Hartz-IV-Sanktionen gegenüber jungen Arbeitslosen bis 24 Jahre, wenn diese diversen Vorgaben der Arbeitsagenturen nicht nachkommen. Dabei haben die Jobvermittler sehr wenig Spielraum, weshalb beispielsweise 30.300 jungen Erwachsenen zwischen Januar 2008 und Juli 2009 sämtliche Leistungen gestrichen wurden. Aber was dann?

Dienen die Sanktionen dazu, die jungen Menschen für die Fallmanager gefügig zu machen, so gehen sie letztlich ins Leere. Denn tatsächlich erziehen die Sanktionen zu einem heimlichen Lernprogramm: Schlag dich durch mit Schwarzarbeit, Diebstählen und kleinen Deals! Ergibt das einen Sinn?

In einer Perspektivlosigkeit, die auch darin begründet ist, dass junge Menschen seelisch kaum noch die Kraft aufbringen können, sich »marktgerecht« anzubieten, ist es sinnlos, mit Perspektivlosigkeit zu drohen oder gar zu sanktionieren. Der bestrafte junge Mensch, der sich weigert, einen Beruf zu ergreifen, den er nicht mag – beispielsweise Hilfsarbeiter in einem Schlachthof – oder in dem er sich bei 5,30 € nicht gewürdigt und immer in der staatlichen Abhängigkeit sieht, wird alsbald für die soziale Integration verloren sein.

Selbst Jobvermittler und Fallmanager kritisieren die Härte der Hartz-IV-Gesetzgebung und -Erlasse gegenüber jungen Arbeitslosen. Zudem erscheint sie ihnen auch in weiten Teilen uneffektiv und kontraproduktiv. Statt heraus geraten die jungen Menschen immer tiefer in die Abstiegsspirale hinein, aus der zu entkommen sie mit den Sanktionen nicht wirklich eine Chance haben.

Was die Arbeitsagentur und der Gesetzgeber hier machen, zeugt von vertuschter Ratlosigkeit. Denn sie können so weder Jobs aus dem Hut zaubern, die es nicht gibt, noch Defizite der Sozialisation und der Bildungspolitik ausgleichen. Sie könnten aber einen Schritt oder gar zwei zurückgehen und dort mit den jungen Menschen neu starten, wo die Defizite liegen. Gute Beispiele dafür gibt es. Und an die Stelle von Sanktionen treten Zuwendung, Gemeinschaft, Struktur, Perspektiven, immaterielle und materielle Belohnungen. Adolph Kolping, Don Bosco und Johann Hinrich Wichern sind dafür Vorbilder aus der Vergangenheit. Das wäre neu ins 21. Jahrhundert zu übersetzen. Doch dafür fehlen der Politik wie der Arbeitsagentur offensichtlich soziale Fantasie. Norbert Copray

 

Geoffrey Robinson

Warum Bischof Robinson sein Buch geschrieben hat

»Das Buch, das ich geschrieben habe, ist eine Reaktion auf die Enthüllungen bezüglich sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche. Wenn sich das Buch auch von diesem Thema wegzubewegen scheint, so ist doch jede einzelne Seite ein Teil dieser Antwort. In den neun Jahren von 1994 bis 2003 war ich Mitglied und zuletzt Vorsitzender einer Kommission, die von den australischen Bischöfen zur Koordination einer nationalen Reaktion auf diese Enthüllungen eingerichtet wurde, in der Hoffnung, die ganze Kirche dieses Landes möge einheitlich sprechen und handeln. Ich sprach mit Hunderten von Opfern, einzeln und in Gruppen. Ich traf Täter und ich arbeitete mit Bischöfen und kirchlichen Führungskräften. Neun Jahre lang beherrschte dies vollständig mein Leben. Es gab viele Misserfolge, aber auch eine Anzahl von Erfolgen. Es war eine Erfahrung, die mich auf so viele Weise veränderte, dass ich, auch wenn ich es gewollt hätte, nicht mehr der Gleiche bin, der ich vorher gewesen war. Daraus entstand die Überzeugung, dass, wollten wir jemals mit gutem Gewissen in die Zukunft blicken, innerhalb der Kirche ein tief greifender Wandel erfolgen müsse.

Erstens muss es eine Untersuchung der unmittelbareren Ursachen des Missbrauchs geben, und da habe ich vorgeschlagen, sorgfältig drei Elemente zu untersuchen: ungesunde Psychologie, ungesunde Ideen bezüglich Macht und Sexualität, und ungesundes Umfeld oder Lebensbedingungen. Ich meine, dass, wenn sich diese drei Dinge vereinigen, sehr wahrscheinlich die trübe Welt entsteht, aus der heraus Missbräuche kommen. Wir müssen in besonderer Weise alle institutionellen Faktoren in der Kirche betrachten, die zu einem Mangel an Gesundheit in einem dieser drei Gebiete beitragen können, und wir müssen zu radikalen Änderungen bereit sein, wo immer sie benötigt werden.

Zweitens müssen wir, neben den Missbräuchen selbst, mit gleicher Ernsthaftigkeit die unzureichenden Reaktionen auf die Missbräuche untersuchen, denn diese führten zu ebensolchen Skandalen wie die Missbräuche selbst. Ich glaube nicht, dass es genügt, Bischöfen Vorwürfe zu machen und vorauszusetzen, sie seien entweder inkompetent oder böswillig. Wir müssen uns eher fragen, warum so viele nette, gute und intelligente Führer nicht so handelten, wie wir es erhofft oder erwartet hätten, und dabei müssen wir wieder die institutionellen Faktoren untersuchen, die zu dieser mangelhaften Reaktion führten.

Drittens meine ich, dass diese beiden Untersuchungsbereiche unausweichlich zu einem Studium aller Aspekte von Macht und Sexualität innerhalb der Kirche führen werden. Bei sexuellem Missbrauch geht es vor allem um Macht und Sexualität; um daher den Missbrauch zu verhindern, müssen wir die Freiheit haben, ernste Fragen bezüglich Macht und Sexualität in der Institution der Kirche zu stellen.

Ich meine, der fundamentale Unterschied zwischen mir und jenen Bischöfen, die mein Buch kritisiert haben, besteht im Ausgangspunkt der Diskussion. Ich meine, diese Bischöfe sagen, es gebe viele Lehren, Gesetze und Verhaltensweisen, die innerhalb der Kirche verkündet würden, und wir dürften diese Lehren, Gesetze und Verhaltensweisen nicht hinterfragen, auch nicht als Reaktion auf Missbrauch. Ich beginne beim anderen Ende, nämlich bei der Tatsache des Missbrauchs. Ich trete dafür ein, dass wir, um den Missbrauch zu verhindern, ihn genau untersuchen und dabei die Freiheit haben müssen, den Argumenten zu folgen, wohin auch immer sie führen. Wenn sie uns veranlassen, verschiedene Lehren, Gesetze und Verhaltensweisen zu hinterfragen, dann müssen wir die Freiheit haben, dies zu tun. Ohne diese Freiheit würden wir versuchen, mit verbundenen Augen und mit Handschellen auf die Missbräuche zu reagieren.« Soweit Geoffrey Robinson.

Hans Küng zu diesem Buch:
»Ein Buch – in der gegenwärtigen Krise von trauriger Aktualität!«

BISCHOF GEOFFREY ROBINSON
Macht, Sexualität und die katholische Kirche
Eine notwendige Konfrontation


320 Seiten, Publik-Forum Edition
18,90 EUR, Bestell-Nr. 2901

Zu bestellen über Publik-Forum-Shop

Unter »Da wurde meine Seele zerstört« referiert Pastoraltheologe Bernd Lutz in Aachen zum sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche. Der sexuelle Missbrauch von Minderjährigen und Schutzbefohlenen beherrscht zurzeit die öffentliche Debatte rund um die katholische Kirche und dreht sich insbesondere um deren Priester und Erziehungseinrichtungen. Die Bischöfliche Akademie und das Bischöfliche Generalvikariat machen das heiße Eisen am Donnerstag, 27. Mai 2010, im August-Pieper-Haus Aachen, Leonhardstr. 18, zum Thema. Von 19 bis 21 Uhr gibt Prof. Dr. Bernd Lutz aus Köln einen Überblick zur aktuellen Debatte. Der Referent lehrt Pastoraltheologie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Steyler Missionare in St. Augustin.

Anmeldung unter Nr. A 18277 bei Gisela Köchig, Tel. 0241/4799622, gisela.koechig@bistum-aachen.de

 

Werbeanrufe

Wenn es lästig und ungesetzlich wird

Probleme mit Werbeanrufen? Die »Aktion Faire Telefonwerbung« der Fairness-Stiftung informiert umfassend über alle Aspekte von Werbetelefonie, bietet Beschwerdewege und -formulare an sowie – für Firmenkunden – die Möglichkeit, sich in eine B2B-Werbeanrufe-Stopp-Liste einzutragen: www.faire-telefonwerbung. Voraussetzung für die Beschwerden ist allerdings immer, dass die anrufende Firma und die Anrufernummer bekannt sind, mindestens jedoch die Anrufernummer. Allerdings scheuen zahlreiche Call-Center nicht davor zurück, bei der Angabe des Anrufers oder Auftraggebers zu lügen und Wettbewerber in Misskredit zu bringen.

 

Erinnerung an TV-Abend mit ARTE

Bedrohte Vielfalt

Am 22.5. gibt es um 20:15 Uhr die sehenswerte Geschichts-Dokumentation »Die Geliebte des Papstes« über Papst Alexander VI. aus dem Geschlecht der Borgia im 16. Jahrhundert.

In Erstausstrahlung am 25.5. zum 24. Jahrestag des GAU in Tschernobyl ein Themenabend über die »Bedrohte Vielfalt«, der dokumentiert, wie widersprüchlich die Erkenntnisse der Forscher und wie waghalsig die Entscheidungen der Politiker und Manager sind.

 

Geistvolle Impulse

Liebe göttlich

Göttliches Leben aber ist Liebe,
überströmende, unbedürftige,
frei sich verschenkende Liebe:

Liebe, die sich erbarmend
zu jedem bedürftigen
Wesen herabneigt;

Liebe, die Krankes heilt und
Totes zum Leben erweckt;

Liebe, die hütet und hegt,
ernährt, lehrt und bildet;

Liebe, die mit den Trauernden trauert
und mit den Fröhlichen fröhlich ist;

die jedem Wesen dienstbar wird, damit es
das werde, wozu es der Vater bestimmt hat;

mit einem Wort:
die Liebe des göttlichen Herzens.

Edith Stein
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verantwortlich für den Newsletter: Dr. Norbert Copray (nc; v.i.s.d.P.)

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Redaktionsschluss: 19.5.2010
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